Es knallt, und die Welt verschwindet – die Sport assoziierte Gehirnerschütterung

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Es knallt, und die Welt verschwindet.

Er fühle, wie sein Körper nach und nach auseinanderfalle, sagte der Eishockey Profi kürzlich.
Süddeutsche Zeitung
13. März 2013

 

 

Von Dr. Marc Sohm:

 

Sports Related Concussion

 

Eine Sport assoziierte Gehirnerschütterung (SRC) kann durch ein stumpfes Trauma gegen den Kopf oder ein Trauma durch bremsende oder beschleunigende Kräfte auf den Kopf und/oder Halswirbelsäule entstehen. Aus den dadurch einhergehenden umfassenden pathophysiologischen Veränderungen resultiert eine vorübergehende Störung der Gehirnfunktion.

 

Die Sports Related Concussion tritt auch ohne Verlust des Bewusstseins auf (90% der Fälle) und kann bis zu einigen Stunden oder Tagen nach der Verletzung symptomatisch werden. Auch in durchgeführten Schädeluntersuchungen wie CT oder MRT findet sich oft kein nennenswerter Befund.

 

Da Sportlerinnen und Sportler nach einer traumatischen Kopfverletzung häufig über einer Verlangsamung des Reaktionstempos und der parallelen Informationsverarbeitung klagen, besteht bei den Betroffenen auch die Gefahr, aufgrund der Einschränkungen dieser Aufmerksamkeitskomponenten schlechtere Leistungen zu bringen bzw. spielentscheidende Fehler zu machen, wenn die Verletzung nicht richtig erkannt wird.

 

Das Nichterkennen einer SRC birgt die Gefahr des „second hit“. Durch die eingeschränkte Wahrnehmung und Reaktion kommt es bei banalen Spielsituationen zu folgenschweren Verletzungen.

 

Die Erholungsphase nach einer erkannten Kopfverletzung dieser Art  beträgt in der Regel 7 bis 14 Tage. Die meisten Patienten mit einer solchen Verletzung erholen sich vollständig. Langfristig können aber Schäden bleiben. Nach drei- bis viermaliger Verletzung sind Langzeitschäden mit hoher Wahrscheinlichkeit vorhanden.

 

Aktuelle Untersuchungen weisen nach, dass bis zu 15 Prozent der Patienten mit Sport assoziierter Gehirnerschütterung bleibende Probleme (chronischer Kopfschmerz, Wahrnehmungs-Verarbeitungsstörungen, Gedächtnisprobleme, Müdigkeit, Konzentrationsschwäche, Stimmungsveränderungen bis hin zur Depression, …) haben.

 

Erkennen der Verletzung

 

Bei Verdacht auf Gehirnerschütterung wird der Sportler aus dem Spiel bzw. Sportgeschehen genommen und von seiner weiteren sportlichen Tätigkeit ferngehalten. Zuerst werden die Symptome des Athleten evaluiert und dokumentiert. Hierzu empfehlen wir ein international ausgearbeitetes Protokoll genannt SCAT (Sport Concussion Assessment Tool – siehe Anlage). Dabei werden Symptome abgefragt, Gedächtnis und Gleichgewicht überprüft.

Eine weitere ärztliche Abklärung mittels Schädelröntgen, Schädel-CT und -MRT erfolgt falls klinisch notwendig. Es ist auch sehr wichtig, die Betreuer, Sportler und Angehörigen über die Art der Verletzung aufzuklären. Ergänzend gibt das EEG (Hirnströme werden abgeleitet) Auskunft über die kortikale elektrische Aktivität.

 

Die neuropsychologische Testung ist eine weitere wichtige Untersuchung, um das Ausmaß der Kopfverletzung abschätzen zu können. Die Tests werden an einem Computer durchgeführt und folgende Funktionen geprüft (Gedächtnis, Reaktion, Konzentration, visuelle Aufmerksamkeit, Verarbeiten von Information – auch unter Stressbedingungen). Die erhobenen Werte gelten als Baseline, um eventuell im erneuten Verletzungsfall auf eine Basis zurückzugreifen und Abweichungen aufzeigen zu können. Im Idealfall wird im Profibetrieb eine solche Testung vor einer Verletzung durchgeführt.

 

Die Rückkehr zum Sport erfolgt nach Durchlaufen des Return To Play Protokolls (RTPP – siehe Download). Pro Stufe ist in diesem standardisierten Protokoll ein Tag vorgesehen, d.h. im Idealfall kann der Sportler frühestens 6 Tage nach der Verletzung zum Wettkampfsport zurückkehren. Bei Auftreten von Symptomen wird auf die Belastung der vorhergehenden Stufe zurückgegangen.

 

Es ist auch möglich, dass Kinder und Jugendliche von einer Sport assoziierten Gehirnerschütterung betroffen sind. Bei Kindern mit Gehirnerschütterung besteht das Management der Verletzung ebenfalls aus sorgfältiger Beobachtung, Ruhe und schrittweise Wiederaufnahme der sportlichen Tätigkeit nach Abklingen der Symptome. Erst wird aber gerade bei Kindern ein ‚Return to School Protokoll‘ (siehe Download Child SCAT) angewendet, das gewährleistet, dass die volle geistige Leistungsfähigkeit wieder schrittweise erreicht werden kann bevor mit dem Sport begonnen wird.

 

Als weitere Rehabilitationsmaßnahmen kommen kognitives Training, Akupunktur, Osteopathie, Physiotherapie, sowie Supplementation von Vitalstoffen (Omega 3, Vitamin B Komplex, Vitamin K2 und D) zur Anwendung. Ausreichend Schlaf, leichte Aktivitäten (spazieren gehen) werden angeraten, auf keinen Fall Aktivitäten, die Konzentration erfordern wie Lesen, Lernen, Tablets, Handy, TV und Computerspiele!

 

 

Beispiel für Return to Play Protokoll

1 – Keine Aktivitäten; Körperliche und geistige Ruhepause

24h Pause

2 – Leichtes Ausdauertraining z.B. Walken, Schwimmen, Ergometrie Training

24h Pause

3 – Sportspezifisches Training z.B. Lauftraining (Fußball, Handball), Skating (Eishockey); noch keine Aktivitäten mit Kopfbeteiligung

24h Pause

4 – Training ohne Körperkontakt z.B. Passtraining, Wurftechniktraining

24h Pause

5 – Training mit vollem Körperkontakt, Teilnahme am „normalen“ Training nach medizinischer und neuropsychologischer Abklärung

24h Pause

6 – Rückkehr in das Wettkampfgeschehen

 

 

Prävention

Wichtig ist, dass Sportler, Trainer und Eltern mit dem Problem der Gehirnerschütterung vertraut sind. Dies ist nur durch Schulung und wiederholte Aufklärung möglich. Nur, wenn die Verletzung erkannt wird, kann sie entsprechend therapiert und somit der Sportler vor Langzeitschäden geschützt werden. Das sofortige Sportverbot bewahrt vor der Verletzung durch den gefährlichen „second hit“. Ergänzendes Training der stabilisierenden Nackenmuskeln wird vorsorglich durchgeführt, um die Beschleunigungskräfte auf die HWS und den Hirnstamm besser abfangen zu können.

 

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