Judo ist zurück – auch in Vorarlberg

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Langsam, in kleinen Schritten, kehrt der Judo-Alltag zurück. Auch für den Landesverband Vorarlberg. Die AthletInnen haben sich an Trainings-Anwesenheitslisten und Gesundheits-Tagebücher gewöhnt. Das Warten bis zum Re-Start der IJF-Tour soll im Oktober ein Ende finden. Trainingslager mit ausländischer Beteiligung sind ab sofort wieder erlaubt. Anna-Lena Schuchter, Vache Adamyan und Laurin Böhler ziehen heute im Olympiazentrum Vorarlberg in Dornbirn eine erste persönliche COVID-19-Lockdown-Bilanz und geben Ausblick auf die nächsten Wochen und Monate.

 

Morgen, Mittwoch, beginnt in St. Johann im Pongau ein fünftägiges ÖJV-Trainingslager – Anna-Lena Schuchter. Vache Adamyan und Laurin Böhler (alle LZ Vorarlberg/ULZ Hohenems) wurden nominiert, müssen teilweise aber verletzungsbedingt passen. Die 48 ÖJV-Nationalteam-AthletInnen treffen erstmals seit dem Lockdown wieder auf geballte internationale Konkurrenz, insgesamt 52 Judoka aus 6 Nationen (Australien, Dänemark, Luxemburg, Niederlande, Kroatien, Schweden und Gastgeber Österreich). Anna-Lena bekommt es in ihrer Gewichtsklasse – bis 70 Kilogramm – neben Teamkollegin Michaela Polleres (Nr. 5 im IJF-Ranking) u.a. mit der niederländischen Weltranglisten-Dritten Sanne van Dijke, Anna Bernholm (SWE/Nr. 8) und Barbara Matic (CRO/Nr. 28) zu tun.

 

Der Judo-Austria-Vorstand tagt Freitag und Samstag (11./12. September) in Salzburg – samt Länderkonferenz, d.h. treffen sich alle Landespräsidenten zum ersten persönlichen Austausch nach dem COVID-19-Lockdown. Judo-Vorarlberg-Präsident Emanuel Schinnerl wird in der Mozartstadt mit dabei sein. Im September starten traditionell bei den Vereinen die Judo-Anfängerkurse, im Oktober soll mit dem Grand Slam in Budapest auch die IJF-World-Tour beginnen, im November steht die EM in Prag auf dem Programm. „Derzeit können wir davon ausgehen, dass beide Events möglich sind“, glaubt ÖJV-Präsident Martin Poiger.

 

Anna-Lena Schuchter: „Die Corona-Pause war für mich fast ein Glücksfall!“

„Ich war schon beim Trainingslager in der Südstadt im Rahmen des Länderkampfes gegen Deutschland mit dabei, aber jetzt in St. Johann haben wir – unter Einhaltung der Hygiene-Bestimmungen und ÖJV-Sicherheitsmaßnahmen – ein Trainingslager, bei dem wieder ein bisschen Wettkampf-Atmosphäre aufkommt“, freut sich Anna-Lena Schuchter. Nationaltrainer Patrick Rusch verspricht: „Techniktraining gab’s in den letzten Wochen genug, in St. Johann liegt der Fokus auf Randoris. Es geht darum, sich nach sechs Monaten Pause mit Weltklasse-AthletInnen messen zu können. Das gilt für alle, auch Anna-Lena und Vache, die in diesem Umfeld noch zu den Neulingen zählen.“

 

Die 19-Jährige hat die Coronakrise „mehr als gut überstanden. Ich habe die Zeit genutzt, um körperlich an meinen Schwächen zu arbeiten, konnte mich konditionell und kraftmäßig weiterentwickeln. Dazu kam, dass ich das Glück hatte, mit der Freundin von Laurin Böhler (Lubjana Piovesana/GBR, U-23-Europameisterin 2018 in Györ) täglich trainieren zu können.“ Auch schulisch kam ihr der Lockdown nicht ungelegen. „Damit hatten wir nur 3 Fächer bei der Matura, außerdem war eigentlich von vornherein klar, dass ich nicht mehr durchfallen kann. Weil wegen der Corona-Pause auch die Noten des normalen Schuljahres herangezogen wurden. Damit war der große Druck automatisch weg und ich konnte in Ruhe trainieren und Mathematik lernen.“ Einziger Wermutstropfen: „Ich habe im Sommer keinen Platz als Sportsoldatin bekommen.” Als Überbrückung macht Anna-Lena ein „soziales Jahr, arbeitet mit VolksschülerInnen. “Seitdem ich bei uns im Klub in Hohenems bei den Judo-Anfängerkursen als Trainerin ausgeholfen habe, weiß ich, dass mir Sozialarbeit Spaß macht. Ich arbeite gerne mit Leuten, besonders mit Kindern“, erzählt die 33. der Juniorinnen-Weltrangliste (in der Kategorie – 70 kg). Nächstes Jahr hofft sie, „dass es mit der Anstellung beim Bundesheer klappt“, um sich künftig ganz auf sportliche Ziele konzentrieren zu können.

 

Vache Adamyan: „Ein besonderes Jahr & ein spezieller Belastungstest!“

Vache Adamyan kämpft noch mit einer alten Rückenverletzung, die beim ÖJV-Trainingslager in der Südstadt Ende August wieder akut wurde. Der 19-Jährige wird täglich im Olympiazentrum therapiert/behandelt (von Physiotherapeut Michael Sohm und Arzt Dr. Marc Sohm, beide früher selbst aktive Judoka). Für das Trainingslager in St. Johann „muss ich wieder komplett einsatzfähig sein“, hofft der Junior. Während das Judotraining verletzungsbedingt Pause machte, sammelte Vache für sein Geburtsland Armenien. „Benötigt werden Kleidung, speziell warmes Wintergewand, und Spielzeuge für Kinder. Ich freue mich über jeden, der sich bei mir meldet – unter 0676-7304499“, erzählt der Superleichtgewichtler (-60 kg). Ende September, Anfang Oktober werden seine Eltern mit dem LKW in seine alte Heimat fahren. „Wir wollen auf Nummer sicher gehen, dass die Hilfe auch direkt bei den Leuten ankommt.“

 

Sportlich gesehen, setzt sich Vache die Teilnahme an den Junioren-Europa- und Weltmeisterschaften 2021 zum Ziel. Ob er sich in den nächsten Monaten tatsächlich voll auf den Sport konzentrieren kann, bleibt abzuwarten. „Ich arbeite in der Gesundheitsabteilung der Vorarlberger Landesregierung, bin für alle Corona-Belange wie Tests, den Notruf 1450 usw. zuständig“ Mit anderen Worten: Er hatte heuer schon richtig viel zu tun. „Von März bis Juni waren es meistens 10 bis 12 Stunden pro Tag. Wenn mein Vater nicht Judoka wäre und abends auf mich gewartet hätte, wäre der Sport zur Gänze zu kurz gekommen. Aber er hatte mit mir kein Erbarmen. Zumindest 4 x in der Woche haben wir in diesen Zeiten trainiert.“

 

Laurin Böhler: „Die Hoffnung für Tokio 2021 lebt!“

Laurin Böhler, der Langzeit-Verletzte (-100 kg), ist hart im Nehmen, sein Kampfgeist ungebrochen: „Ich habe 2019 in Düsseldorf bewiesen, dass ich selbst mit Trainingsrückstand bei einem Grand Slam mit 58 Startern in meiner Kategorie konkurrenzfähig sein kann. Das gibt mir für Tokio Hoffnung!“ Viel kann den 25-Jährigen nicht mehr erschüttern: Vier Knie-Operationen hat er hinter sich, dazu zwei Ellbogen-Operationen und eine Bandscheiben-OP (Halswirbel). Derzeit quält ihn – am Weg zurück – eine schmerzhafte Hüftgelenksinfektion. Die Kraftwerte der linken Körperhälfte sind im Keller. „Aber natürlich glaube ich noch an meine Olympia-Chance!“ Erste Wettkämpfe werden für ihn frühestens im Februar möglich sein.

 

An schlechten Tagen denkt er an den dritten Platz von Düsseldorf: „Da hatte ich, rein rational betrachtet, keine Chance. Aber plötzlich war ich im Flow und habe Gegner geschlagen, die 100-prozentig fit waren.“ Realistisch betrachtet wird Laurin erst im Februar ins internationale Wettkampfgeschehen zurückkehren. „Ich werde noch ein, zwei Top-Platzierungen für die Olympia-Qualifikation brauchen.“ Jetzt hofft er, dass die Schmerzen in der Hüfte bald nachlassen. „Das operierte rechte Knie ist im Moment kurioserweise mein geringstes Problem.“

 

(c) Text: ÖJV, Fotos: ÖJV/Maurice Shourot

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