Reha nach Riss des Vorderen Kreuzbandes

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Verletzungen wie die des vorderen Kreuzbandes stellen Sportler und ihr Betreuersystem immer wieder vor viel Ratlosigkeit, Ungewissheit und Fragen. Dabei dreht es sich selten um inhaltliche Fragen zum Operationsprozedere, der Bedeutung der optimalst geplanten Rehabilitation oder gar Wund-Heilungsprozessen, sondern viel mehr um die Frage: „Wie lange dauert das Ganze?“ oder „Wann bin ich wieder einsatzfähig?“
Im Wissen um die Karriere der meist jungen Leistungs- und Spitzensportler möchten wir in den nächsten paar Zeilen etwas Klarheit schaffen, Verständnis für Ruhe, Geduld und akribische Arbeit generieren, Sportler aber auch zu schützen!

 

Immer wieder erreichen uns Sensationsmeldungen von extrem schnellen Reha- und Wiedereingliederungsverläufen von SportlerInnen nach Verletzungen des Vorderen Kreuzbandes (VKB). Leider jedoch auch fast genau so oft Meldungen von Wiederverletzungen, Re-Rupturen oder langanhaltenden leistungslimitierenden Beschwerden …

 

Der stetige Ergebnisdruck, Qualifikationskriterien, teilweise sogar die Gefahr des „Jobverlustes“ oder gar der Wegfall von Sponsorengeldern und Verträgen führt in vielen Fällen beinahe unausweichlich dazu, dass Sportler/ Mediziner/ Therapeuten und Trainer in einer Art anderem Wettkampf – nämlich dem der schnellstmöglichen Reha – gewinnen wollen! Dabei zählt in dieser Hinsicht leider nicht die Idee des schnellstmöglich, sondern die des BESTMÖGLICH!

 

VKB-Ruptur ist nicht gleich VKB-Ruptur

Bereits in der Diagnostik und Abklärung (Arzt, manuelle Tests, bildgebende Verfahren,…) wird klar, dass aufgrund individueller Verletzungsmechanismen, des Schweregrads oder gar Begleitverletzungen (isolierte VKB Verletzung, Teilruptur, Multitrauma mit Seitenband- und-/oder Meniskusbegleitverletzung, usw.) NIE von einem einheitlichen Reha- Zeitschema gesprochen werden kann!

 

Wundheilung und Meilensteine

In der Planung von Rehabilitation und Trainingsprogramm sollte daher mit Meilensteinen (klare, erkenn- und verstehbare Zwischenziele) zeit- und kriterienorientiert gearbeitet und gesteigert werden! Dabei stehen die Wundheilungsphasen und die damit verbundenen Schritte im Sinne der Schwachstellen-orientierten Belastbarkeitssteigerung an erster Stelle! Heißt so viel wie: Es gibt klare physiologische Prozesse in unserem Körper, die optimiert aber nicht überholt werden können. Die Einwachsphase des VKB-Transplantates in den Bohrkanal dauert im Idealfall etwa drei Monate! In dieser Zeit sind beispielsweise Sprünge oder auch Rennen noch verboten.

 

Der Reha- und Trainingsprozess beginnt direkt mit der Entlassung aus dem OP. Definierte Meilensteine sorgen bei Patienten und Therapeuten aber auch im Umfeld der Sportler für einen erkennbaren transparenten Rehaprozess und bilden Kriterien für Teilziele und Überprüfungsmöglichkeiten!

 

Erst nach Einwachsen des Transplantes und bei idealem Rehaverlauf beginnt der tatsächliche Aufbau in Richtung „return to sport“. Standen bis zu diesem Zeitpunkt v.a. Wundheilungsorientierte Kriterien im Vordergrund so lenkt sich die Aufmerksamkeit immer mehr auf das Ziel der maximalsten zu erwartenden sportartspezifischen Belastung. Konkret gesagt, die (v.a. plyometrische) Kraftleistung sollte am Ende sogar besser sein als vor der Verletzung. Feedbacksysteme aus einem gesunden VKB fehlen und müssen von anderen Strukturen übernommen werden. Der Patient muss in der Lage sein, unter Ermüdung sämtliche von ihm verlangte Bewegungen ausführen zu können.

 

Ein Aufbau zurück auf das eben beschriebene Niveau oder sogar darüber hinaus braucht Zeit, viel Zeit! Die strukturelle Situation (Belastbarkeit), Mobilität, Kraftfähigkeit, neuromuskuläre Kontrolle und Leistungsfähigkeit, Ausdauerleistung, Koordination und Schnelligkeit sowie sämtliche plyometrische Fähigkeiten wieder auf ein Top-Leistungslevel zu bringen, benötigt ein Zeitfenster von bis zu 9 Monaten vor dem Wiedereinstieg in die Sportart und dem Aufbau der maximalen Sportartspezifischen Belastungen. Besonders bei Mannschaftssportarten – im speziellen Kontaktsportarten wie beispielsweise Fußball oder Handball – spielen in dieser Phase noch viele zusätzliche Parameter eine wichtige Rolle (Fouls, unerwartete Bewegungen durch Gegnerkontakt, …)! Gerade in dieser Phase sollte aber allen Trainern, Therapeuten und dem Sportler bewusst sein, dass es sich noch immer um ein (jetzt) hochspezifisches Training für die neu bzw. wieder antrainierten Fähigkeiten und Systeme dreht. Im Idealfall und nach einer optimal verlaufenen Reha und Trainingszeit vielleicht jedoch auf einem neuen, vorher noch nicht erreichten körperlichem Leistungsniveau!

 

Verletzungen werden daher immer auch Chancen sein! Grund genug darüber nachzudenken, ob ein verfrühter Wiedereinstieg wirklich sein muss.

 

Autor: Martin Hämmerle, Bereichsleiter “Physiotherapie & Massage”, Olympiazentrum Vorarlberg

 

© Foto: ZDF

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