International Coaching Week: Die Seele des Spitzensports

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Die Seele des Spitzensports- eine sportpsychologische Spurensuche oder „Grisu will Feuerwehrmann werden“

 

Was hat Grisu und sein inbrünstiger, nahezu gebetsmühlenartiger Aufruf „Ich will Feuerwehrmann werden“ mit der Seele des Spitzensports zu tun? Und warum sollen wir uns gerade anhand der Analogie eines kleinen, grünen Drachens auf eine sportpsychologische Spurensuche nach der Seele des Spitzensports machen? Euer Unverständnis kann ich verstehen, doch nehmen wir uns die Muße, ein wenig tiefer in diese Materie einzutauchen:

 

Der Spitzensport, wie wir ihn kennen und tagtäglich präsentiert bekommen: High Speed Kameras sind allgegenwärtig. Jeder mimische Ausdruck des Sportlers wird festgehalten, das Aufwärmprogramm kann “mittendrin statt nur dabei“ mitverfolgt werden. Die Social Media Kanäle des Superstars werden professionell bedient, der Zuschauer fühlt sich quasi als Teil des Ganzen. Das professionell aufgestellte Betreuerteam gibt fachlich versierte Statements über den momentanen Leistungszustand des Athleten ab. Die Prognosen stimmen und der Athlet fährt, läuft oder springt als Erster über die Ziellinie. Die Stimmen der Fernsehkommentatoren vermischen sich mit dem Jubel des Publikums, den man auch vor dem Bildschirm „hautnah“ mithören und miterleben kann. Bei der Siegerehrung sonnen sich vor allem diejenigen Gesichter in den Kameras, die einiges, jedoch bei weitem nicht am meisten, zum Erfolg des Athleten beigetragen haben. Die täglichen Qualen und der Bedürfnisaufschub, den jeder Athlet für solche Höchstleistungen durchleben muss, ist nur Insidern bekannt. Das, was psychologisch im Kopf des Athleten vorgeht, ist – wenn überhaupt- nur den engsten Vertrauten oder dem Unbewussten des Athleten bekannt.

 

Dies ist die Welt des Spitzensports, wie wir ihn alle durch die Fernsehbilder kennen und in dieser Welt bin auch ich als Sportpsychologe sozialisiert worden. Finden wir in dieser Welt die Antwort auf die Frage, was die Seele des Spitzensports ausmacht?

 

Wettkampfgruppe Feuerwehr Ludesch

In 74 Tagen, 16 Stunden und 29 Minuten findet in Villach die Feuerwehrolympiade statt. Die Wettkampfgruppe Ludesch nimmt zum zweiten Mal teil. 2012 erhielt ich einen Anruf des damaligen Kommandanten, dass „er eine verrückte Gruppe von freiwilligen Feuerwehrmännern habe, die in Mulhouse im Juli 2013 Olympiasieger werden wollen.“ Ich fühlte mich so, wie die Prinzessin kurz vor dem Küssen des Frosches. Was soll ich denn da? Olympische Spiele und Feuerwehr? Worin treten die denn an? Haben die überhaupt die richtige Einstellung? Wie kann es sein, dass vermeintliche Amateure ohne Scham einen Sportpsychologen zu Rate ziehen, weil sie schlicht und einfach noch besser werden wollen. Wie oft erlebe ich das bei Profisportlern? Fragen über Fragen tauchten blitzartig in mir auf.

 

Die Arbeit begann. Erste Einstiegspräsentation: Hoch konzentrierte Teilnehmer. Erstes Erleben eines Live-Löschangriffs https://vimeo.com/207251894. Meine Begeisterung stieg. Ist diese Angelegenheit doch näher am Spitzensport als ich dachte?

 

Erste sportpsychologische Einheit: Jeder sollte ein Statement vor versammelter Gruppe abgeben, wieso er zur Feuerwehrolympiade will und neben seiner regulären Arbeit (nahezu jeder hat einen handwerklichen Vollzeitjob) die Strapazen auf sich nehmen will. Alle anderen bewerten auf einer Skala zwischen 1 und 10 wie glaubhaft das Statement war und wie sehr der Funke der Überzeugung übergesprungen ist. Nach den Statements fühlte ich mich wieder wie die Prinzessin kurz vor dem Küssen des Frosches. Keine einzige Ruhmaussage, keine einzige Aussage über Sponsoren und Geld. Kein einzige Aussage nach dem Motto „dem und der will ich es beweisen“. Lediglich das Urmotiv, besser zu werden und einfach im Team gewinnen zu wollen. Funktionslust oder Verliebtsein ins Gelingen würden die Verhaltensforscher dazu sagen. Wir Psychologen würden geschwollen „intrinsisch motiviert“ dazu sagen.

 

Nächste Einheit: Wir erstellen ein Stärkenprofil des Teams, arbeiten die Schwächen eines jeden einzelnen heraus und erstellen ein Teamleitbild mit den vier wichtigsten Teamregeln, das visuell verankert und von jedem signiert in der Trainingshalle (eine Fabrikhalle, die sie selber über den damaligen Sponsor organisert haben) hängt. Ich gebe das Motto der US Marines als Devise aus: „Training is hell, competition is heaven“; was sich darin wiederspiegelt, dass sie unter erschwerten Bedingungen (mit Ohrenstöpsel, mit Gewichtsweste, mit Feuerwehrhandschuhen, mit Atemschutzmasken, mit einem blinden Auge etc.) so lange ihre Wettkampfübung trainieren, bis der eigentliche Wettkampf unter Wegfall der erschwerten Bedingungen zu einem Kinderspiel wird.

 

Nächste sportpsychologische Massnahme: Stressimpfungs- und Prognosetraining. Per Teamentscheid wird ein einziger Durchgang unter Wettkampfbedingungen trainiert. Im Vorfeld wird die Zeit bekanntgegeben, die sie zu schaffen glauben. Falls die prognostizierte Zeit nicht erreicht werden sollte, müssen sie als Konsequenz vor meiner Frau „alle meine Entlein singen“ und einen „45 min. Dauerlauf bei tiefwinterlichen Verhältnissen“ absolvieren. 30 min. später singt und läuft die Truppe. Meine Frau ist übrigens heute noch entzückt.

 

Mulouse 2013, Feuerwehrolympiade: Die Ludescher Firefighter – so wie ich sie nenne – werden starker Vierter, nachdem sie alle nationalen Bewerbe dominierten. Ein Wettkampfgerät machte ihnen zu schaffen. Ein langes, hellblaues Rohr, durch das Daniel beim Staffellauf aus vollem Anlauf durchrutschen muss, war aus unerklärlichen Gründen von einem Tag auf den anderen deutlich rutschiger als das Rohr, auf dem sie ein Jahr lang trainierten. Im Stillen dachte ich mir: „Verdammte Scheisse, dass so ein nicht kontrollierbarer und nur akzeptierbarer Scheiss immer bei Olympischen Spielen passieren muss. Jetzt hat ein französischer Kampfrichter das Rohr am Vorabend zuletzt noch glatt poliert und wir müssen für diese Streberaktion büßen“. (Auch Sportpsychologen haben negative Selbstgespräche. Zugeben würden wir es aber nie.)

 

25.4.2017. Mittlerweile sind wir wieder voll in der Vorbereitung. Wolfi Grabher ist als zweiter Sportpsychologe als Verstärkung an meiner Seite. Pötti schneidet in seiner Funktion als Trainer und Mädchen für alles immer noch die Gemüsesticks und wenn man den Laufstil und das Aufwärmprogramm der Ludescher Firefighter betrachtet, könnte man meinen, dass wir uns inmitten der Vorarlberger Leichtathletik-Meisterschaften befinden. Jeder im Durchschnitt 8 Kilo leichter und den Kniehub um mindestens 5cm höher hat Hansi die athletischen Agenden übernommen. Es gibt eine Sponsorenmappe (der Hauptsponsor ist noch um 2.000 EUR zu haben!) inkl. Sponsorenwand vor dem Feuerwehrhaus (selbstverständlich durch eigene Handwerkskraft aufgestellt). Martin hat kurzerhand in seiner Tischlerei Holzbetten mit einem Lattenrost für die Übernachtung während der Wettkampftage in Villach gezimmert, da die Analyse von Mulhouse ergab, dass die Schlafqualität – genauso wie das Schuhwerk – optimiert gehört. Nur ein paar Beispiele von vielen!

 

Finden wir in dieser Welt die Antwort auf die Frage, was die Seele des Spitzensports ausmacht? Und was hat das Ganze jetzt eigentlich mit Grisu zu tun?

 

Die Ludescher Feuerwehrolympioniken zeigen uns das auf, was auch vielen Spitzensportlern ganz tief innewohnt. Nur im Laufe des Spitzensportdaseins treten diese Urmotive immer wieder in den Hintergrund. Ich kann mich noch gut an Skispringer erinnern, die nach hochgejubelten Erfolgen voll und ganz aus der Spur gekommen sind und erst dann wieder flugstabil wurden, als sie zu der „Magie des Anfangs“ zurückgefunden haben. Sie mussten in verschneiten Schanzenanlagen ohne Beisein von Zuschauern oder Wertungsrichtern wieder an den „Traum vom Fliegen“ (kontrovers zum „Traum des Siegens“) zurückgeführt werden. Genau darin steckt die Botschaft von „Grisu“: Etwas, aus tiefstem Grunde des Herzens, entwickeln zu wollen. Etwas zu machen und dabei den Fehler als notwendigen Begleiter bei sich zu wissen. Etwas zu machen, wo das „Dürfen“ viel entschiedender ist als das „Müssen“. Darin liegt die Seele des Spitzensports. Und wir alle können davon lernen und für unser Leben profitieren.

 

Dr. Christian Uhl, Sportpsychologe und Leiter des ÖBS-Landeskompetenzzentrums Vorarlberg, hat unter anderm als Spezialist für “Krafttraining im Kopf” u.a. das psychologische Erfolgssystem der österreichischen Skisprungnationalmannschaft mitaufgebaut und war über 10 Jahren der Mentalcoach der „Super-Adler“.

 

 

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