Interview mit Sportpsychologe MMag. Dr. Christian Uhl

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MMag. Dr. Christian Uhl ist selbstständiger Vertragspartner im Bereich Sportpsychologie im Olympiazentrum Vorarlberg. Der ehemalige Zehnkämpfer war selbst aktiver Leistungssportler.

 

Nach seiner Karriere als Sportler war Christian Uhl als Sportwissenschaftler und Konditionstrainer tätig, bevor es ihn ganz in die Sportpsychologie verschlagen hat. Von 2003 bis 2011 war er der Mentalcoach der „Super-Adler“ und hat das psychologische Erfolgssystem der Skispringer mitaufgebaut. In seiner Praxis (IEP) betreut er zahlreiche Profisportler und Führungskräfte internationaler Unternehmen. Im Interview berichtet er über die Bedeutung der Psychologie im Sport, seine Arbeit im Olympiazentrum Vorarlberg, die Mentale Seite im Bereich Skispringen und die Herausforderungen für Athleten im Hinblick auf Olympia.

 

Wie gestaltet sich ihre Arbeit als Partner des Olympiazentrum Vorarlberg im Bereich Sportpsychologie? Welches System steckt dahinter?

Im Sportservice haben wir die Betreuungsstruktur im Bereich Sportpsychologie entwickelt und anhand von Qualifikationskriterien das Team zusammengestellt. Wir sind eng in Verbindung mit dem österreichischen Bundesnetzwerk für Sportpsychologie, in das wir eingebettet sind – was wiederum Qualitätssicherung und Fortbildung mit sich bringt.

 

Wir haben derzeit zwei große Projekte am Laufen. Erstmal ist das ‚Licence to Win‘ – die sportpsychologische Betreuung auf einem Basisniveau und die Persönlichkeitsentwicklung bei den Schülern des Sportgymnasium Dornbirn Schoren. Das Projekt ‚X-Men‘ mit den Landestrainern geht bereits in die zweite Runde.

Der nächste Schritt läuft darauf hinaus, dass wir unsere Arbeit mehr institutionalisieren und anfangen, gezielt in einem Vier-Jahreszyklus mit Athleten zusammen zu arbeiten. Aber auch die interdisziplinäre Arbeit mit allen Sportservice Mitarbeitern in einem Betreuerteam. Es handelt sich hier um ein sehr modernes System – ein Zusammenspiel mehrerer sportlichen Fachrichtungen, in dem sehr viel Potential vorhanden ist. Die Athleten kommen also sozusagen in einen ‚Betreuungs-Topf‘ und werden dort professionell aus den verschiedenen Fachbereichen heraus betreut. Das sollte der Hauptschwerpunkt des Olympiazentrums sein.

Weiters sind wir natürlich in der Ausbildung tätig. Die Ausbildung der Trainer und der Übungsleiter ist ja mindestens genauso wichtig wie die der Athleten. Gerade auch im Hinblick auf die Olympischen Spiele.

 

 

Sie haben das Projekt ‚X-Men‘ erwähnt. Worum geht es dabei?
Wir sind hier bereits in der zweiten Runde. Im ersten Anlauf haben wir Themenschwerpunkte wie beispielsweise ‚Kommunikation mit dem Athleten‘ aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet. Jetzt haben wir das Ganze evaluiert und auf eine nächste Ebene gehoben. Wir arbeiten nun an der eigenen Coachingphilosophie von jedem Landestrainer, entwickeln diese weiter und optimieren sie. Intern findet hier unter den Trainern ein unglaublich schlagkräftiger und produktiver Austausch statt. Sie reflektieren sich dabei nicht nur selbst, sondern lernen auch von den anderen Landestrainern – was ein enormer Erkenntnisgewinn ist. Sie bilden die Speerspitze im Sport – deshalb ist ihre Ausbildung enorm wichtig. Athleten haben das Anrecht darauf, dass sie in die Hände der Profis kommen.

 

Bei einigen Sportarten ist die Zusammenarbeit mit Sportpsychologen schon seit vielen Jahren fester Bestandteil – bei anderen Sportarten scheinen noch Widerstände zu bestehen. Warum diese Unterschiede?
Wir haben lange gegen das „Couchimage“ der Sportpsychologie angekämpft. Man kommt nur dann zum Sportpsychologen und legt sich auf eine Couch, wenn man ein Problem hat. Ganz nach dem Motto „Jetzt kann nur noch der Psychologe helfen“.

 

In der Sportpsychologie geht es aber darum, Gutes noch besser zu machen! Ich gehe nicht nur dann zum Sportpsychologen wenn ein Defizit da ist. Ein Spruch den ich immer wieder gerne verwende lautet „Sportpsychologie ist Krafttraining im Kopf“. Genauso wie ich meine Muskeln im Krafttraining trainiere oder in der Physiotherapie geschmeidig mache, trainiere ich hier meinen Muskel im Kopf. Die Berührungsschwelle mit diesem Thema muss aufgehoben werden. Vorstellung in denen jemand zum Psychiater geht, von ihm durchleuchtet wird und seine Kindheitsgeschichte aufrollen muss sind komplett veraltet. Es geht hier um Potentialausschöpfung. Mentaltraining ist nie das Wichtigste in dem ganzen Trainingsprozess. Es ist aber gleich wichtig wie alle anderen Bereiche, damit eine Leistung zustande kommen kann.

 

Was die Unterschiede zwischen den Sportarten betrifft ist schwer zu sagen, da es hier eine Dunkelziffer gibt. Wir arbeiten in der Schweigepflicht. Etablierte Sportarten im Bereich der Sportpsychologie sind aber die bei denen innerhalb kürzester Zeit – oft wenigen Sekunden – die optimale Leistung gebracht werden muss. Diese Sportarten sind prädestiniert dafür. Wobei man natürlich auch klar sagen muss, dass sportpsychologische Aspekte bei Sportarten in denen man über einen lange Zeitraum, viel denken muss, genauso wichtig sind.

 

 

Sie haben das psychologische Erfolgssystem der österreichischen Skisprungnationalmannschaft mit aufgebaut. Was sind die Besonderheiten im Skispringen aus sportpsychologischer Sicht?

Im Skispringen war eine grundlegende Kultur da. Gerade in den Zeiten von Baldur Preiml und Toni Innauer, war die Affinität zum Mentalen im Skisprung sehr hoch.

 

Als wir damals angefangen haben, das Erfolgssystem auf eine neue Ebene zu heben, sind wir langsam und in einzelnen Schritten vorgegangen. Ich habe z.B. eineinhalb Jahre nur mit den Trainern gearbeitet. Die Trainer waren wiederum die Speerspitze – wie ich bei Projekt „X-Men“ schon erwähnt habe. Ich habe langsam begonnen mit den Athleten zu arbeiten, wobei es wiederum Meilensteine gegeben hat. Angefangen hat es damit, dass der Sportpsychologe bei Trainingskämpfen und Wettkämpfen dabei war. Er war ein Teammitglied wie alle anderen und führte gleichzeitig Einzelgespräche. Es gab fixe mentale Trainingseinheiten in einem Trainingsplan. Ich musste dem Athleten natürlich auch Erfolg „beweisen“, damit er einsah, dass das ganze funktioniert. Weiters muss man den Athleten in eine Arbeitshaltung bringen, was bedeutet, dass er bereit ist an sich zu arbeiten – nicht nur zwei Wochen vor einem wichtigen Wettkampf sondern stetig. Der wichtigste Punkt war, diese Kultur zu schaffen. Eine Stärke der österreichischen Superadler ist ihre mentale Stärke – wenn es zählt bringen sie ihre Leistung.

 

Ich kann mich noch gut erinnern wie Toni Innauer zu mir gesagt hat „Du legst jetzt alles ab was du gelernt hast und du musst bereit sein Skisprung Psychologe zu werden“. Wir haben richtig in das System hinein gearbeitet, Tools und Methoden entwickelt, nach denen sich andere Teams und Nationen heute noch die Finger lecken, denn das ganze System funktioniert auch heute noch gut.

 

 

Im Hinblick auf Sochi 2014 – was sind besondere psychologische Herausforderungen für Sportler bei Olympia im Gegensatz zu anderen Wettkämpfen?
Olympische Spiele sind klassische „do or die“ Situationen. Bei Olympia ist alles anders. Es ist alles um eine Dimension größer und schneller. Es gibt mehr Interviews, mehr Fans, mehr Sorgen über die eigene Leistung. Man ist im Olympischen Dorf eingebettet, genießt dort zwar den Spirit, hat jedoch wesentlich mehr mehr Zeit über den Wettkampf nachzudenken als sonst. Diese Herausforderung muss strategisch in kluger Vorbereitung kanalisiert und strukturiert werden. Es muss ein ganz klarer Tagesablauf definiert werden. Ansonsten fängt man an zu denken – durch die vielen Interviews, die Presseanfragen durch das ganze Umfeld, was sehr inspiriert. In einem selbst steigt dadurch der Erwartungsdruck. Der Autopilot geht verloren indem man das Ganze nicht mehr als normalen Wettkampf betrachtet. Und das ist eigentlich eine Grundvoraussetzung. Bei olympischen Spielen passieren Dinge die unvorhergesehen sind.

 

Es gibt tolle Studien vom Amerikanischen Olympischen Komitee in denen tausende Athleten von Olympischen Spielen berichteten – welche Punkte ihnen geholfen und welche sie gestört haben. Basierend auf solchen Studien und wissenschaftlichen Erfahrungsdaten, sowie eigenen Erfahrungen als Sportpsychologe bei Olympischen Spielen gilt es, individuelle Handschriften und Strategien zu entwickeln.

 

Ein Beispiel wäre, dass ein Motto vereinbart wird. Mit welchem Motto gehe ich in diese Olympischen Spiele? Dieses Motto muss immer wieder überprüft werden. Lebe ich dieses Motto heute? Es gibt beispielsweise ein Motto, mit dem wir bei den Skispringern immer gearbeitet haben und sogar T-Shirt gedruckt haben – ‚It’s not every four Years – it’s every day‘. Wenn Athleten sich das ganze Jahr auf Olympia vorbereitet und merken, dass jeder Tag zählt, wird das Ereignis Olympia auch nicht überbewertet. Denn im Grunde genommen sind Olympische Spiele ein ganz normaler Wettkampf wie jeder andere.

 

Ein weiteres Beispiel wäre, dass ein strategischer Sammelpunkt definiert wird – ein Fußball Tisch etc. wo strategisch kleine Wettkämpfe ausgefochten werden, sodass der „Schmäh rennt“ und sich die Athleten in diese Sache reinsteigern und nicht dazu kommen, ständig über den bevorstehenden Wettkampf nachzudenken.

 

Zentral ist auch die Vorbereitung der Trainer, als auch das regelmäßige Coaching der Trainer vor Ort. Untersuchungen zeigen, dass das Stressniveau von Trainern bei Großereignissen 3x so groß ist wie bei regulären Wettkämpfen. Und genauso, wie sich ein Athlet vor seinem „letzten Sprung zur Goldmedaille“ in die richtige Wettkampfstimmung bringen muss, genauso sollte der Trainer sich emotional regulieren können.

Wer etwas verändern will,

muss neue Wege gehen.

Olympiazentrum Vorarlberg

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