„The Game Changers“ – game changer oder doch nicht?

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Ist der Film „The Game Changers“ ein wahrer „game changer“ für Athleten und Jedermann/-frau? – Eine Sammlung von Daten inkl. Ausblick aus der Perspektive der Sporternährung.

 

Seit September 2019 ist der Netflix Film „The Game Changers“ in aller Augen, Ohren und Munde. Es wird viel diskutiert. Einerseits aufgrund der namhaften Besetzung mit Sportstars wie Arnold Schwarzenegger, Jackie Chan, Lewis Hamilton und Novak Djokovic sowie auch mit Regisseur James Cameron hat der Film eine starke Präsenz in den Medien und eine große sportliche Erfolgswelle der Beteiligten als Grundlage. Andererseits, weil beim Thema Ernährung leider oft immer noch mehr Namen und Testimonials zählen anstelle von Fakten, Wissenschaft und Physiologie. Der Film scheint auf den ersten Blick beides perfekt zu vereinen – wissenschaftlichen Hintergrund mit einigen der erfolgreichsten Athleten der letzten Jahre.

 

Was ist wirklich dran? Kann man die pflanzenbasierte/vegane Ernährung als fundamentalen Faktor für den Erfolg dieser Athleten bezeichnen, denn so wird es zwischen den Zeilen transportiert?

 

Aufgrund mehrerer Gespräche und Anfragen möchte ich den Film auch als Chance nutzen, um einige der wichtigsten Themen der Sporternährung allen interessierten Sportlern näher zu bringen:
1. Wissenschaftliche Analyse des Films
2. Ergänzend wichtige Themen und Faktoren der Sporternährung

 

Wissenschaftliche Analyse des Films
Man muss das Rad nicht neu erfinden, wenn es schon vorhanden ist! Darum möchte ich auf zwei Menschen hinweisen, die in der wissenschaftlichen Welt und in der Welt der Sporternährung höchste Anerkennung genießen. Beide sind Weltspitze in meinem Fachgebiet aufgrund ihrer unzähligen wissenschaftlichen Publikationen und auch wegen ihrer unzähligen Erfolge mit Teams und Einzelspitzensportlern: Asker Jeukendrup, PhD und Layne Norton, PhD. Beide haben sehr ausführliche, wissenschaftlich fundierte und referenzierte Film-Analysen (Norton auch ein YouTube Video zusätzlich) geschrieben, die ich wärmstens empfehlen kann:

In diesen Artikeln werden die einzelnen Themen, die im Film angesprochen werden, meiner Meinung nach wissenschaftlich korrekt aufgearbeitet und mit Referenzen hinterlegt.

 

Ergänzend wichtige Themen und Faktoren der Sporternährung

Ich bin kein Veganer. Meine Ernährungsweise ist aber definitiv pflanzen-basiert und hat auch einen signifikanten Anteil an tierischen Lebensmitteln, aber nicht primär Fleisch. Es gibt sicher regelmäßig Tage, da esse ich vegan, weil es grad Sinn macht oder mir schmeckt bzw. wohl tut – also eine einfach artgerechte, mir wohltuende Ernährung.

 

Eine der wichtigsten Kriterien für die (Sport-)Ernährung ist der Faktor: QUALITÄT der Lebensmittel und in der Zubereitung! Qualität gewinnt immer! Wenn der Film eine hochwertige pflanzen-basierte Ernährung mit einer minderwertigen tierischen Kost vergleicht, ist das Ergebnis sonnenklar – Qualität gewinnt. Das würde sie übrigens umgekehrt genauso. Wenn beide Ernährungsweisen qualitativ sind, sieht die Wissenschaft (siehe 1.) keine Vorteile der veganen Ernährung, sie ist sogar im Leistungssport für manche Zielsetzungen limitierend.

 

Mehr Qualität in der Ernährung hat zur Folge:

1) Ich muss mich mit meinem Essen auseinandersetzen. Woher kommt es? Wie ist es „aufgewachsen“ (Pflanze und Tier)? Wie komme ich an möglichst frische saisonale und, ökologisch sinnvoll, regionale Produkte?

2) Ich brauche Koch-Skills. Kann ich mir meine frischen Lebensmittel auch selbst hochwertig zubereiten?
Wenn der Film zu solchen Überlegungen führt – ein Volltreffer, weiter so!

 

Eine artgerechte (menschengerechte) Ernährung kann man auch anhand dieser Kriterien definieren (übersetzt nach Alan Aragon):

  • Beachtung von medizinisch und gesundheitlich relevanten Problemen
  • Leistbar und „sozial verträglich“
  • Praktisch im Alltag und langfristig umsetzbar
  • Akzeptanz im eigenen sozialen Umfeld
  • Kompatibel mit der eigenen Moral und Ethik
  • Respekt vor persönlichem Geschmack
  • Unterstützung der physiologischen und/oder psychologischen Leistungs-Ziele
  • Abdeckung der notwendigen Makro- und Mikronährstoffe
  • Abdeckung der zielbedingten Energiemenge
  • Keine unnötigen bzw. unwissenschaftlichen Essens-Restriktionen und Verbote

 

Wenn deine vegane Ernährung mit diesen Kriterien und dem Qualitäts-Faktor übereinstimmt – sehr gut. Wenn du eine pflanzen-basierte Ernährung inklusive tierischer Lebensmittel anhand der Kriterien das „Deinige“ nennst – auch sehr gut!

 

Eine wichtige Gleichung noch als ergänzende Überlegung: „Wenn die Verbesserung bzw. Veränderung deiner Ernährungsweise dir so viel Energie raubt und Stress erzeugt, dass dir diese (Annahme) physiologisch sinnvolle Veränderung weniger bringt unterm Strich, dann macht es so keinen Sinn! Dann musst du andere Wege und Lösungen finden um ans Ziel zu gelangen.“

 

Was meine ich damit im Bezug auf die Sporternährung?

Eine optimale Ernährung sollte auf Basis der physiologischen Voraussetzungen (1) des einzelnen Athleten beruhen. Dafür braucht es idealerweise eine gezielte und systematische Analyse anhand einer Ernährungsanamnese und -Protokolls sowie diverses Laborparameter und weiterer Messungen. Nach der Definition der allgemeinen Ziele und der daraus abgeleiteten Ernährungsziele geht es in die Praxis (2), die bei jedem Athleten unterschiedlich aussieht. Es macht einen großen Unterschied, ob ich 300 Tage im Jahr daheim verbringe oder 3/4 des Jahres in unterschiedlichsten Regionen der Welt lebe und trainiere. Meine Ernährung muss ich zwangsläufig an verschiedenen Orten immer in der praktischen Umsetzung neu anpassen um die gesetzten (physiologischen) Ziele zu erreichen. Unnötige Einschränkungen in der Wahl der Lebensmittel können da z.B. für einzelne Athleten das Leben noch zusätzlich erschweren.

 

Anhand der individuellen (ernährungs-)physiologischen Bedingungen und Ziele (1) gilt es die persönliche Praxis (2) an den jeweiligen Orten und an (un-)geplante Situationen des einzelnen Sportlers (3) anzupassen. Je mehr planbar ist, desto einfacher wird es, wobei der Profisportler nur zu gut weiß, wie schnell sich vieles ändern kann.

 

Der Athlet (3) kann seine persönliche Essensweise einfacher und stressfreier umsetzen, wenn das System (4) um ihn herum unterstützend wirkt. Wenn z.B. im Nationalteam, mit dem er 200 Tage im Jahr unterwegs ist, Infrastrukturen bezüglich Kochgeräten oder Essenszeiten gewährleistet sind, die es ihm und allen anderen Athleten in der Umsetzung einfacher machen. Oder wenn in der Schulkantine des Nachwuchssportler sportgerechte Mahlzeiten und Essenszeiten angeboten werden. Das System kann für den einzelnen Athleten an verschiedenen Örtlichkeiten oder Konstellationen erschwerend oder erleichternd agieren und so den Mehrwert einer optimalen Sporternährung noch zusätzlich signifikant erhöhen.

 

Abschließend halte ich das Zitat von Charles Darwin für eine treffende Zusammenfassung: „It is not the strongest of the species that survives, nor the most intelligent, but the one most responsive to change.“

 

Referenzen:

 

Martin Rinderer ist Ernährungsexperte und -coach im Olympiazentrum Vorarlberg.

Ein Gedanke zu „„The Game Changers“ – game changer oder doch nicht?

  1. Danke Martin Rinderer für den klärenden Artikel! Qualitativ hochwertig, artgerecht, individuell und situativ ermöglicht! So ist Ernährung wohltuend

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