Mentale Herausforderungen während der Krise

    Mentale Herausforderungen während der Krise 01

Mentalcoach Simon Nußbaumer hat sich mit folgender Fragestellung beschäftigt:

 

  1. Vor welchen besonderen Herausforderungen stehen Spitzensportler aus psychologischer Sicht in der Zeit der Corona-Pandemie?
  2. Welche Maßnahmen können in dieser Situation hilfreich sein?

 

Durch die Corona-Pandemie hat sich die Situation für Sportler in den letzten Wochen recht massiv verändert. Während der gewöhnliche Alltag eines Spitzensportlers recht eindeutig und klar durchstrukturiert und getaktet ist, hat sich dies mit der Absage zahlreicher Wettkämpfe und Trainings sowie der Schließung von Trainingshallen und Sportstätten von einen Tag auf den anderen massiv geändert. Die mit den Wettkämpfen und Trainings verbundenen Ziele, die sich die Sportler gesetzt haben, ebenso.

 

Diese abrupten Veränderungen verursachen oft Stress. Emotionen wie Angst, Unsicherheit, Traurigkeit und Wut können die Folge sein. In solchen Situationen ist es zunächst wichtig, diesen Emotionen – wenn notwendig – für eine gewisse Zeit Raum zu geben. Dabei können Gespräche sehr hilfreich sein, die es dem Sportler ermöglichen, die aktuellen Herausforderungen zu schildern und die damit einhergehenden Gefühle zu artikulieren. Dies kann eine gute Basis dafür sein, die nächsten Schritte zu setzen. Dem Stress und den auftretenden Emotionen kann beispielsweise mit Emotionsregulationsübungen sehr gut begegnet werden. Hierfür eigenen sich einfache Achtsamkeitsübungen z.B. am Morgen oder am Abend in der Natur oder in den eigenen vier Wänden. Eine weitere Übung ist, ganz einfache Atemübungen mit unterschiedlichen Aspekten durchzuführen. Z.B. drei Sekunden lang einzuatmen und etwas länger auszuatmen. Auch die progressive Muskelrelaxation nach Jacobson kann jetzt sehr hilfreich sein.

 

Spitzensportler sind in ihrem täglichen Tun sehr stark auf Ziele ausgerichtet. Durch die gegenwärtige Situation haben sich diese Ziele vielfach geändert oder sind weg gefallen. Das kann zunächst sehr irritierend sein. Manche Spitzensportler fallen sogar in ein motivationales Loch. Somit wird es gerade jetzt wichtig, die Ziele neu auszurichten. Hier sollte man sich nicht nur auf Ergebnisziele sondern insbesondere auch auf Leistungs- und Prozessziele fokussieren. Während Ergebnisziele immer abhängig von Dingen oder Personen sind, die nicht beeinflussbar sind, eignen sich Leistungs- und Prozessziele sehr gut, kurzfristige Fortschritte sichtbar zu machen sowie die eigene Selbstwirksamkeit zu spüren. Schließlich sind Ziele sehr wichtig für die Förderung der Motivation.

 

Mit der Definition von Zielen geht die Notwendigkeit einher, die Trainingszeit neu durchzustrukturieren. Viele Sportler sind sogar gezwungen, ihr Trainingsumfeld neu aufzubauen. Dazu gehören z.B. Trainingsmittel zu besorgen, die Kommunikation mit den Trainern und Betreuern neu aufzubauen sowie die Monate, Wochen und Tage neu zu planen. Dieser Prozess ist immens wichtig, denn grundsätzlich braucht jeder Mensch eine Struktur, an der er sich festhalten und orientieren kann. Das gibt Sicherheit – ein Grundbedürfnis eines jeden Menschen.

 

Durch die ausgefallenen Wettkämpfe kann es auch zu finanziellen Engpässen durch fehlende Sponsorengelder bzw. Einnahmen kommen. Das und die bereits angeführten Herausforderungen führen zu Unsicherheit und Kontrollverlust. Das wiederum hat zur Folge, dass das eigene Selbstvertrauen geschwächt wird. Dem kann so entgegengewirkt werden, dass man sich an Situationen in der Vergangenheit zurückerinnert, die für einen persönlich ebenfalls schwierig waren und sich die Frage stellt: Welche meiner Fähigkeiten, Kompetenzen, Stärken haben mir damals geholfen, diese schwierige Situation zu meistern? Auf wen kann ich in solch schwierigen Lebenslagen auf jeden Fall vertrauen? Wer oder was gibt mir Stabilität und Sicherheit? Diese Dinge und Personen aufzuschreiben und sich der Stärken, Kompetenzen und Fähigkeiten bewusst zu werden, kann in solchen Situationen sehr wertvoll sein und zur Stärkung des eigenen Selbstvertrauens führen.

 

Situationen wie diese bergen auch immer Chancen. Neben dem körperlichen und sportartspezifischen Training kann gerade jetzt in der wettkampflosen Zeit vermehrt an allgemeinen mentalen Fähigkeiten gearbeitet werden. Dafür eignen sich insbesondere das Visualisieren bestimmter Bewegungsabläufe, um bestehende Bewegungen zu festigen oder auch neue aufzubauen und einzutrainieren. Hierfür sind zu Beginn bereits fünf Minuten pro Tag ausreichend. Die Wirkung ist besonders dann sehr hoch, wenn möglichst alle Sinne miteinbezogen werden.

 

Eine abschließende Herausforderung, die aus der gegenwärtigen Situation resultiert, ist auch für Spitzensportler die Isolation, sowie das Einschränken der sozialen Kontakte. In diesem Zusammenhang ist es essenziell, dass man mit seinen Familienmitgliedern, aber auch mit den Trainingspartnern sowie den Trainern und Betreuern in regelmäßigem Kontakt bleibt und sich austauscht. Das schafft unter anderem ein Bewusstsein darüber, dass man mit den gegebenen Herausforderungen und Schwierigkeiten nicht allein ist. Im Miteinander kann man sich auch gegenseitig mit Tipps und positiven Erfahrungen im Umgang mit der aktuellen Situation unterstützen.

 

Schließlich sind Bewegung, ausreichend Schlaf, sowie eine gesunde Ernährung gerade jetzt immens wichtig. Auch auf ein vernünftiges Ausmaß an Medienkonsum ist zu achten. Man muss sich nicht ständig mit dem Thema „Corona“ auseinandersetzen. Wenn man es tut, sollte man gut auf die Seriosität der Quellen achten.

 

Simon Nußbaumer ist ÖBS-zertifizierter Mentalcoach im Olympiazentrum Vorarlberg.

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