Der Leistungssport und die Coronakrise

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Die Coronakrise hat viele Profisportler und auch junge Leistungssportler hart getroffen. Da von heute auf morgen alle Sportstätten und öffentlichen Sportanlagen geschlossen wurden, standen viele Athleten vor der Frage, wie es weitergehen soll. Insbesondere die Sommersportler, die bereits für Olympia qualifiziert waren oder die, die noch intensiv auf die Qualifikation für Tokyo 2020 hofften, mussten bis zur Entscheidung, dass die Olympischen Sommerspiele um ein Jahr verschoben werden, harte Wochen durchleben. Doch von Erlösung und Entlastung ist bei den Wenigsten etwas zu spüren. Für viele bedeutet die Teilnahme an den Olympischen Spielen nach jahrelangem harten Training der Höhepunkt ihrer Karriere. Nach der Absage für 2020 tauchten existenzielle Fragen auf, die derzeit kaum einer beantworten kann. Auf die Coaches kommt jetzt neben der Aufgabe, die physische Form aufrecht zu erhalten oder sogar noch zu verbessern, auch die Herausforderung zu, die Athleten auch mental durch diese Zeit zu begleiten – neue Ziele zu formulieren oder eben einfach einen guten Umgang mit dieser neuen Situation zu finden. Hier kann insbesondere das Neztwerk mit Sportpsychologen oder Mentaltrainern sehr hilfreich sein.

 

Die Sommersportler blicken jetzt auf eine ungewisse Zeit, in der unklar ist, ob und wann die nächsten Wettkämpfe stattfinden – mitunter steht ihnen eine sehr lange Vorbereitungszeit bevor. Einzelsportler wie Läufer oder Radfahrer und auch z.T. Triathleten treffen die Auswirkungen der Coronaregeln und die Schließungen aller Sportanlagen nicht so heftig wie beispielsweise Schwimmer – die nur noch eingeschränkte Trockenübungen machen können. Die meisten dieser Sportler haben keinen eigenen Pool mit Gegenstromanlage, geschweige denn eine adäquate Möglichkeit, um ein Krafttraining durchzuführen. Dort gelten zumeist schon wenige Tage Trainingsausfall als Katastrophe – so spannend die Drylandübungen für Schwimmer aussehen, das elementare Wassergefühl lässt sich dadurch nicht ersetzen. Ähnlich hart trifft es die Kunstturner/innen, die normalerweise einen Trainingsumfang von 25-30 Stunden pro Woche (davon fast 90% an den Geräten) gewohnt sind.

 

Höchstleistungen auf internationalem Spitzenniveau lassen sich nicht über Nacht kreieren und für den langfristigen Leistungsaufbau bis hin zu diesem Level setzen (abhängig von der Sportart) zwischen 10-15 Jahre intensiven Trainings voraus. Strukturiert gesteigerte Intensitäten, Umfänge oder Schwierigkeitsniveaus in technischen Sportarten werden über Jahre systematisch aufgebaut. Dieses Ausmaß an Trainingsreizen ist notwendig, um alle Systeme des Körpers auf die Belastungen vorzubereiten. So wird beispielsweise bei Skifahrern im Schülerbereich mit der Erlernen der Langhanteltechniken begonnen, bevor langsam – entsprechend der körperlichen Entwicklung – ein Kraftaufbau gestartet wird, der dann mit zunehmenden Leistungsniveau immer spezifischer wird. Um hohe Lasten und explosive Bewegungen mit Lasten technisch sauber bewegen zu können und damit an Belastungen heranzukommen, die denen eines Abfahrtslaufes entsprechen, braucht es jahrelanges gezieltes und systematisch aufgebautes Krafttraining. Gegenüber der Ausdauerleistung, bei der physiologisch bereits nach kurzer Zeit gute Trainingseffekte sichtbar werden, sind Anpassungen an den passiven Strukturen (wie Knochen, Sehen und Gelenken) erst nach mindestens 24-72 Monaten kontinuierlichen Trainings deutlich sichtbar.

 

Speziell die maximale Schnelligkeit ist ein hochsensibler leistungsbestimmender Faktor in vielen Sportarten. Schnelle Reizleitung der Informationen vom Gehirn zur Zielmuskulatur braucht ständige Trainingsreize. Bereits nach 7 Tagen ohne entsprechende spezifische Schnelligkeitsreize kommt es zu einer deutlichen Abnahme der Nervenleitgeschwindigkeit und damit zu einer Reduktion der Geschwindigkeit, mit der ein Muskel angesteuert wird. Ein mehrwöchiger Ausfall an entsprechenden Reizen wirkt sich eklatant auf die Leistung der Schnelligkeit aus. Um Leistungszuwächse der maximalen Schnelligkeit ohne ein erhöhtes Verletzungsrisiko zu erreichen, braucht es vorher einen langfristigen Aufbau von der Maximalkraft über die Schnellkraft und die Explosivkraft. Nach einer mehrwöchigen Trainingspause kann also nicht einfach an der Stelle wieder gestartet werden, wo man vor der Pause aufgehört hat, sondern der Aufbau aller grundlegenden Fähigkeiten muss von vorn gestartet werden.

 

Aus trainingswissenschaftlicher Sicht lässt sich ein gewisses Leistungsvermögen über einen Zeitraum von 14-21 Tage auch mit reduzierten Umfängen noch einigermaßen aufrechterhalten, bevor es zum sogenannten De-Trainingseffekt kommt. Die Abnahme der Leistungsfähigkeit ist dabei um so geringer, je höher der Trainingsload (Kombination aus Dauer und Intensität aller Einheiten) vor der Pause war. Diesen Effekt nutzt man bewusst beispielsweise in der Taperingphase (letzten 2-3 Wochen vor dem Wettkampf), um einen Athleten möglichst optimal auf den Saisonhöhepunkt z.B. eine WM/EM hin vorzubereiten.

 

 

Dass zu hohe Intensitäten über einen gewissen Zeitraum ein erhöhtes Risiko für das Auftreten von Verletzungen darstellt, ist hinreichend bekannt. Allerdings führt auch eine Abnahme der akuten Belastung deutlich unter das gewohnte Belastungsmaß ebenso zu einem gesteigerten Verletzungsrisiko. Das ist insbesondere für Leistungssportler wichtig, die akut aus einer intensiven Vorbereitungs- oder Wettkampfphase gerissen worden sind. Einfach mal 3-4 Wochen Urlaub machen ist also in diesem Fall keineswegs möglich.

 

So stellt das die Coaches vor eine enorme Herausforderung, für die Athleten Trainingsinhalte mit bescheidenen Mitteln zu Hause (Athleten, die es gewohnt sind, im Olympiazentrum rundum betreut zu werden und alle Materialen zur Verfügung haben) zusammenzustellen, die für die Athleten einen sinnvollen Trainingsreiz ergeben. Nicht alle Sportler, insbesondere die Kampfsportler aus den schweren Gewichtsklassen, sind in der Lage ihre benötigten Intensitäten beispielsweise über Dauerläufe zu realisieren. Dies würde nach kürzester Zeit durch die ungewohnten Belastungen zu Überlastungen der Strukturen, wie Sehnen, Bändern und gewissen Muskelgruppen führen und das Verletzungsrisiko extrem schnell erhöhen. Wenn schon das Training mit den Trainingspartnern nicht möglich ist, würden hier wenigstens ein paar Einheiten im Kraftraum mit entsprechenden Gewichten für eine gewisse Zeit wichtige Reize liefern.

 

Antje Peuckert ist Leiterin des Fachbereichs “Sportwissenschaft & Training” im Olympiazentrum Vorarlberg.

 

Abbildung: „The Training Injury Prevention Paradox“ TJ Gabbett, 2016

Foto: Rüdiger Stehn/flickr (CC BY-SA 2.0)

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