Blogreihe: Sportpsychologisches Training und Mentalcoaching

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Simon Nußbaumer – Leiter unserer Abteilung Sport- & Strukturmanagement ist nach seinem Abschluss des Studiums „Master of Science in Mental Coaching (MSc)“ an der Universität Salzburg (im April 2016) und dem Abschluss des Lehrgangs „Sportpsychologisches Training im Leistungssport“ am Center of Mental Excellence in Innsbruck (im Februar 2017) Mitglied im Österreichischen Bundesnetzwerk für Sportpsychologie (ÖBS). Auf unserem Expertenblog wird er nun regelmäßig Einblicke in das sehr spannende Themenfeld “Mentaltraining & Sportpsychologie” geben. Viel Vergnügen beim Lesen…

 

 

Die Anforderungen, im Sport erfolgreich zu sein, steigen stetig. Damit steigen auch die Anforderungen an den Athleten selbst sowie an sein Umfeld. Eine stetige Professionalisierung in allen Bereichen ist die Folge. Ganz zentral dabei ist das „Wirken“ des Trainers mit seiner individuellen Coaching-Kompetenz. Er übt als Persönlichkeit und mit seiner eigenen Fach- und Handlungskompetenz einen ganz wesentlichen Einfluss auf die körperliche Fitness und die sportartspezifischen Fähigkeiten und Fähigkeiten des Athleten aus. Darüber hinaus nimmt er durch sein Agieren unmittelbar Einfluss darauf, worüber und wie ein Athlet denkt, wie er sich fühlt und schließlich auch, wie er sich in spezifischen Situationen verhält.

 

Dieser Artikel soll dazu beitragen, eure persönliche Reflexion zu fördern und ein Bewusstsein darüber schaffen, wie wichtig und entscheidend euer Einfluss auf die Entwicklung von Athleten ist.  Er soll euch Werkzeuge an die Hand geben, die es euch ermöglichen, das „Denken“, „Fühlen“ und „Handeln“ zum Wohle der Entwicklung der Athleten zu steuern. Und schließlich soll er euch ermutigen, diese auch einzusetzen.

 

Die Idee zu diesem Artikel ist aus meiner mittlerweile gut 8-jährigen Zusammenarbeit mit den Cheftrainern,  Sportdirektoren und Strukturentwicklern des Olympiazentrum Vorarlberg entstanden. Im Rahmen des Projektes „X-Men“, das in enger Zusammenarbeit mit Dr. Christian Uhl und seinem Team durchgeführt wird und sich mittlerweile in der 3. Phase befindet, besteht das Ziel darin, die Teilnehmer für sportpsychologische Themen zu sensibilisieren, das Know-how in diesem Bereich weiter zu steigern und damit ihre Coaching Kompetenz weiter zu entwickeln.

 

Meinen Mitarbeitern gebührt in diesem Zusammenhang ein großer Dank, denn Sie sind es, die mir durch ihre tägliche Arbeit wertvolle Inputs und Rückmeldungen aus der Praxis liefern. Ich wünsche und hoffe mir, dass Ihr als Trainer davon profitieren könnt und bin über Rückmeldungen, Anregungen und Inputs jederzeit sehr dankbar.

 

 

Heute: Ziele & Zielvereinbarungen

 

Im Rahmen des 1. Moduls der 3. Projektphase des Projektes „X-Men“ haben wir uns mit der Frage befasst, inwieweit Ziele und der Abschluss von Zielvereinbarungen mit Nachwuchsathleten im Alter zwischen 10 und 15 Jahren Sinn machen. Dabei kann eines vorweg genommen werden: Die Handhabung in der Praxis gestaltet sich sehr unterschiedlich und vielfältig. Im Folgenden werde ich euch einen Auszug aus den Ergebnissen unserer Diskussion vorstellen und einige „Dos and Don’ts“ anführen, die sich aus mentaler Sicht aus den Erfahrungen der Cheftrainer und den eigenen Erfahrungen ableiten lassen. Diese sollen dir erste Ansätze und Inputs für deine praktische Trainingsarbeit liefern.

 

Das Entscheidende vorneweg: Wichtig ist weniger das Ergebnis als vielmehr der Prozess der gemeinsamen Erarbeitung von Zielen zwischen dir und dem Athleten. Ein sinnvoller Einstieg dabei könnte sein: Frage den Athleten zu Beginn nach dessen Wunsch oder Traum! Auch wenn dieser weit weg und aus deiner eigenen Sicht möglicherweise utopisch erscheint, so kann dieser für den Athleten DER entscheidende Motivator sein, die Sportart überhaupt auszuüben. Gerade in schwierigen Phasen einer Athletenkarriere (Verletzungen, Erfolgslosigkeit…) ist es hilfreich, sich wieder auf das eigentliche Motiv zu besinnen.

 

Vermeide möglichst Standardlösungen, die du quer über alle Athleten anwendest. Ein Rahmen, einen Plan, eine Struktur zu haben ist auf jeden Fall gut. Aber lass möglichst individuelle Lösungen zu. Der Athlet wird es dir in Form von Comitment danken!

 

Im Allgemeinen kannst du zwischen drei unterschiedlichen Zielarten unterscheiden: Ergebnisziele, Leistungsziele, Handlungsziele. Ein alpiner Skiläufer könnte sich beispielsweise das Ergebnisziel setzen, bei den nächsten österreichischen Meisterschaften den 2. Platz zu erzielen. Für einen Schwimmer könnte ein Leistungsziel darin bestehen, die 200 Meter Lagen unter 2:30 Minuten zu schwimmen. Ein mögliches Handlungsziel für einen Tennisspieler wäre, nach einem Ballwechsel ein positives Selbstgespräch beim Weg zur Grundlinie durchzuführen. Wenn wir die einzelnen Arten von Zielen miteinander vergleichen, kannst du vielleicht erkennen, dass das Erreichen eines Ergebniszieles immer von der Performance der Gegner abhängig ist. Leistungsziele hingegen können zur Gänze selbst beeinflusst werden (lassen wir äußere Umstände einmal außen vor) und eignen sich gut, Fortschritte sichtbar zu machen. Bei Handlungszielen handelt es sich um Ziele, die bspw. die optimale Ausführung einer bestimmten Technik verfolgen oder um psychologische Ziele.

 

Setze bei Nachwuchsathleten den Schwerpunkt auf die Vereinbarung von Handlungszielen und baue sinnvolle Ergebnis- und Leistungsziele um diese herum. Dadurch stellst du den Prozess der sportlichen Entwicklung des Athleten in den Mittelpunkt. Weiters wird der Ergebnis- und Leistungsdruck abgebaut sowie das Selbstvertrauen der Athleten gesteigert. Außerdem hilfst du dem Athleten, den Weg zu einem bestimmten Ergebnis oder einer Leistung „sichtbar“ zu machen und, dass er sich auf das Hier und Jetzt und die konkrete Aufgabe konzentriert. Handlungsziele bringen darüber hinaus oft den Vorteil, dass Fortschritte für den Athleten rasch ersichtlich sind. Dadurch kannst du dessen intrinsische Motivation steigern. Außerdem wird er es dir häufig mit mehr Freude und Spaß am Sport sowie mit einer größeren Ausdauer nach Misserfolgen danken. Als Messpunkte zur Überprüfung von Handlungszielen kannst du Wettkämpfe und Trainings heranziehen. Es eignet sich sehr gut, den Fokus auf Letztere zu legen.

 

Etwas schwieriger stellt sich die Beantwortung der Frage dar, inwieweit auch Eltern mit in den Zielvereinbarungsprozess einbezogen werden sollen. In diesem Zusammenhang habe ich folgenden Vorschlag: Erarbeite die Ziele erst alleine mit dem Athleten, denn sie sollen zu seinen eigenen werden. Im Anschluss daran kann es auf jeden Fall sinnvoll sein, die Eltern mit ins Boot zu holen und diese zu informieren. Möglicherweise wird dadurch eine Überarbeitung der Ziele in einer gemeinsamen Runde notwendig. Aber ohne die Unterstützung der Eltern kann es in diesem Alter sehr schwierig werden.

 

Abschließend behalte die alte Formel “keep it short und vor allem simple!” im Hinterkopf: Es macht keinen Sinn, mit dem Athleten Ziele zu vereinbaren, wenn er diese aufgrund seiner Komplexität gar nicht erfassen kann. Apropos Komplexität: Stelle sicher, dass du die Ziele messbar und möglichst konkret, attraktiv aber realistisch gestaltest. Achte auch darauf, dass ihr vereinbart, bis wann die Ziele erreicht sein sollen.

 

Eine abschließende Verschriftlichung der Ziele ist auf jeden Fall sinnvoll. Weniger im Sinne der Herstellung einer Verbindlichkeit als vielmehr in der Bildung einer gemeinsamen Sichtweise. Von einem trainerseitigen “Zwang” zur Unterschrift rate ich in diesem Alter ab. Dies scheint nur dann sinnvoll, wenn der Athlet selbst darauf besteht.

 

Zu guter Letzt ist es wichtig, die vereinbarten Ziele in regelmäßigen Abständen mit den Athleten zu reflektieren und zu evaluieren. Einerseits lernt dein Athlet, sich und seine Leistung einzuschätzen. Andererseits kannst du so einen kontinuierlichen Lernfortschritt sicherstellen. Denn: Erreichte Ziele gehören unbedingt gefeiert und dem Athleten die Gründe für den Erfolg sichtbar gemacht.

 

Der nächste Schritt besteht nun darin, dass sich unsere Cheftrainer eine geeignete Struktur überlegen, wie sie ihre Zielgespräche in Angriff nehmen wollen. Die Quintessenz daraus werde ich euch in einem der nächsten Blogs zur Verfügung stellen.

 

Simon Nußbaumer, Sport- & Strukturmanagement Olympiazentrum Vorarlberg

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